Merhaba an alle. Wird wohl Zeit dass ich mich auch mal wieder aus der Versenkung melde. Dass seit meinem letzten Blogeintrag so viel Zeit vergangen ist liegt daran dass ich 1. mal wieder umgezogen bin und zwar 2. in ein sehr spannendes Stadtviertel in dem es für ein Dorfkind wie mich natürlich dauernd irgendeine spannende Ablenkung gibt, genau wie in meiner neuen Familie die 3. zwei deutschlernende und spielbegeisterte Kinder hat. Es liegt natürlich nicht daran, dass ich ein außergewöhnlich fauler Mensch bin und/oder mir mein Passwort für meinen Blog nicht mehr einfallen wollte. Braucht ihr also gar nicht denken.
Wo wir gerade bei Merhaba sind: Mit der türkischen Sprache kann ich mich immer mehr anfreunden. Ich meine allein Sätze wie "Düsünür müsünüz". Das zergeht doch auf der Zunge wie warme Butter. Leider scheint meine Zuneigung aber nicht auf Gegenseitigkeit zu beruhen. So übersetzt mein stets loyaler Google-Translator mein schönes "Macht euch bitte Notizen" stur mit "Bitte beachten Sie das Fleisch". Naja, also schaden kann das ja auch nicht. Perfektioniert habe ich dagegen die Sätze "Tut mir Leid, ich spreche kein Türkisch" und "Wollt ihr ein Lied singen?". Letzterer immer gefolgt von einem enthusiastischen "Yeeeeyy!!" Vom Good-Morning-Song konnte ich meine Schüler inzwischen genauso gut überzeugen wie vom ABC-Rap. Wobei es für einige Kinder ein Alphabet ohne Ü unvorstellbar scheint, weswegen es sicherheitshalber gleich an mehreren Stellen dazwischengequetscht wird. Trotzdem : Mission erfolgreich!
Es ist eigentlich unverzeihlich aber bis vor kurzem hatte ich hier noch keinen Tropfen Raki getrunken. Um diese Bildungslücke so schnell wie möglich zu schließen habe ich also einen feucht-fröhlichen Abend mit Steffi, Emre und Ömer in einer traditionellen Raki-Bar verbracht, selbstverständlich mit viel zu viel leckerem Essen. Naja, die überflüssigen Schafskäse-Kalorien kann ich ja beim lustigen Autolücken-abpassen-und-um-mein-Leben-Rennen wieder abtrainieren. Ach ja, faszinierende Sache: Wenn man auf den durchsichtigen Raki Wasser kippt wird das ganze milchig-weiß! Wissbegierig wie ich bin habe ich dieses Phänomen natürlich gleich mal gegoogelt und weiß jetzt: Das liegt am Louche-Effekt. Den ich euch ja jetzt genauer erklären würde wenn ich ihn durchstiegen hätte. Fragt Wikipedia. Oder lasst es bleiben. Es lässt sich auch ganz gut ohne dieses Wissen leben.
Am 29. Oktober war dann schließlich großer Feiertag: 90 Jahre Republik Türkei! Was mit einem riesigen Bosporus-Feuerwerk gebührend zelebriert wurde. Um aus Steffis Blog zu zitieren: "Leeeutee ich hatte 15 Minuten nuur Gänsehaut, und das hinter dem Fernseher. Wie wäre es wohl wenn ich dort gestanden wäre?" Die Frage kann ich gut beantworten, denn ich war da. Gesehen hab ich- nichts. Ab und an mal ein paar Fünkchen am Himmel. Muss allerdings zugeben, dass das ganze durch die Handykamera meines Vordermannes recht beeindruckend aussah. Und Gänsehaut hatte ich zumindest auch. War nämlich arschkalt.
Hmmm was gibt's sonst noch so. Ah, hab hier auch endlich mal eine Namensverwandte kennengelernt. Eine sehr sympathischer Golden-Retriever-Welpe. Hab mich natürlich immer gleich angesprochen gefühlt wenn es hieß: "Lena!!! Nicht sabbern!!"
Und eine neue Anekdote aus den Istanbuler Buchläden. Als der Verkäufer herausgefunden hat, dass ich Deutsche bin, hat er mich strahlend zum einzigen deutschen Buch im Laden geführt:
Supi, da hab ich natürlich gleich zugeschlagen! Mit nur einer neuen
Fremdsprache bin ich schließlich unterfordert!
Als Vegetarierin bin ich hier ja sowieso schon eine mit Misstrauen zu betrachtende Rarität. Um nicht auch noch als horklige Deutsche dazustehn, habe ich beschlossen ausnahmslos alles andere zu essen. Was den täglichen Plastikbecher voller superscharfer Pepperoni einschließt, den ich zu meinem Teller Reis bekomme (das einzige fleischlose warme Gericht im Umkreis meiner Arbeitsstelle). Da die Pepperoni normal zu essen sich als unmöglich herausgestellt hat, ohne sich am Ende mit tränenden Augen und rotem Kopf auf dem Boden zu winden (was mir auf Dauer zu stressig wäre), habe ich eine neue, sehr nützliche Fähigkeit entwickelt: Pepperoni im Ganzen schlucken. Ist nicht so einfach wie es klingt und erfordert eine spezielle, ausgeklüngelte Schlucktechnik. An deren Perfektionierung ich momentan noch feile. Seminare gibt's dann wenn ich wieder in Deutschland bin. Ein bisschen Geduld braucht ihr also noch.